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Mit Mark Twain durch Pisa und Livorno - auf den Spuren seiner Tour von 1878/1879

Aus: Mark Twain. Ausgewählte Werke in zwölf Bänden. Band 2: Die Arglosen im Ausland.
Aus dem Amerikanischen von Ana Maria Brock. Hrsg. von Karl-Heinz Schönfelder
Mit freundlicher Genehmigung © Aufbau Verlag GmbH & Co. KG, Berlin 1961


Für die Genehmigung, den Text veröffentlichen zu dürfen, möchten wir uns ganz herzlich beim Aufbau-Verlag Berlin bedanken. Das Buch ist derzeit leider nur gebraucht erhältlich, weitere Informationen zum Kauf finden Sie hier, auf unserer Seite für Toskana-Bücher.


Kapitel 24 - Pisa und Livorno (S. 223-228)

In Pisa stiegen wir zur Spitze des seltsamsten Bauwerks empor, das die Welt kennt — des Schiefen Turmes. Wie jedermann weiß, ist er etwa fünfundfünfzig Meter hoch — und ich bitte zu beachten, dass fünfundfünfzig Meter etwa die Höhe von vier übereinandergesetzten normalen dreistöckigen Gebäuden ist. Für einen Turm mit durchweg gleichem Durchmesser ist das eine recht bemerkenswerte Höhe, selbst wenn er aufrecht steht — aber dieser neigt sich um mehr als dreizehn Fuß aus der Lotrechten. Er ist siebenhundert Jahre alt, aber weder die Geschichte noch die Überlieferung sagen etwas darüber aus, ob er absichtlich so gebaut worden sei, wie er steht, oder ob sich eine Seite gesenkt habe. Es gibt keine Aufzeichnungen, die besagen, dass er jemals gerade gestanden habe. Er ist aus Marmor, ein luftiges und schönes Bauwerk, und jedes seiner acht Stockwerke ist ringsum von gekehlten Säulen umgeben, einige aus Marmor und einige aus Granit, mit korinthischen Kapitalen, die schön gewesen sind, als sie neu waren. Es ist ein Glockenturm, und in seiner Spitze hängt ein altes Glockenspiel. Die runde Treppe innen ist dunkel, aber man weiß immer, auf welcher Seite des Turmes man sich befindet, weil man so, wie der Turm sich hebt und senkt, ganz natürlich von einer Seite der Treppe zur anderen pendelt. Einige Steinstufen sind nur an einer Seite ausgetreten, andere nur auf der anderen Seite, andere nur in der Mitte. Wenn man vom Dach in den Turm hinabschaut, ist es, als blicke man in einen schrägen Brunnen. Ein Seil, das von der Mitte des Daches herabhängt, berührt die Mauer, bevor es die Erde erreicht. Wenn man ganz oben steht und an der hohen Seite hinabschaut, ist einem nicht so ganz wohl; aber wenn man auf der anderen Seite auf dem Bauch an den Rand kriecht und versucht, den Hals weit genug auszustrecken, um den Fuß des Turmes zu sehen, bekommt man eine Gänsehaut und ist entgegen aller Einsicht einen kurzen Augenblick lang davon überzeugt, dass der Bau umstürze. Man bewegt sich die ganze Zeit über sehr vorsichtig unter dem törichten Eindruck, dass, falls er noch nicht Umstürze, das eigene unbedeutende Gewicht ihn dazu bringen werde, wenn man nicht sorgfältig darauf achte, sich „leicht zu machen“.

Der Dom, dicht dabei, ist eine der schönsten Kirchenbauten in Europa. Er ist achthundert Jahre alt. Seine Herrlichkeit hat die hohe wirtschaftliche Blüte und die politische Bedeutung überlebt, die seine Errichtung einst notwendig oder, besser gesagt, möglich gemacht hatten. Umgeben von Armut, Verfall und Ruin, vermittelt er uns einen greifbareren Eindruck von der früheren Größe Pisas, als Bücher uns geben können.

Das Baptisterium, einige Jahre älter als der Schiefe Turm, ist ein stattlicher Rundbau von riesigen Abmessungen und war ein kostspieliges Bauvorhaben. Es hängt eine Lampe darin, deren regelmäßige Schwingungen Galilei auf das Pendel hinwiesen. Sie sah recht kläglich dafür aus, dass sie der Welt der Wissenschaft und Mechanik eine so gewaltige Ausdehnung ihrer Reiche vermittelt hatte. Während ich in ihrer anregenden Gegenwart sann, war es mir, als sähe ich ein irrsinniges Universum schwingender Scheiben vor mir, die schuftenden Kinder dieser gesetzten Mutter. Sie schien einen intelligenten Ausdruck zu haben, als ob sie wüsste, dass sie durchaus keine Lampe sei, dass sie ein Pendel sei, ein Pendel, das sich zu wunderbaren und unerforschlichen, aus seinem eigenen tiefgründigen Sinnen geborenen Zwecken verkleidet hat — und nicht etwa ein gewöhnliches Pendel, sondern das alte, ursprüngliche, patriarchalische Pendel – der Abraham unter den Pendeln der Welt.

Dieses Baptisterium ist mit dem erfreulichsten Echo ausgestattet, von dem wir je gelesen haben. Der Führer ließ zwei klangvolle, etwa eine halbe Oktave auseinanderliegende Töne erklingen; das Echo antwortete mit der bezauberndsten, angenehmsten, vollsten Mischung lieblicher Töne, die man sich denken kann. Es klang wie ein langgezogener, durch große Entfernung unendlich gedämpfter Akkord einer Kirchenorgel. Ich mag in diesem Fall übertreiben, aber wenn dem so wäre, so wäre mein Gehör daran schuld, nicht meine Feder. Ich beschreibe eine Erinnerung — und zwar eine, die ich lange behalten werde.

pisa turm

Die eigenartige Frömmigkeit der alten Zeit, die größeren Wert auf die äußeren Formen der Andacht legte als darauf, die Herzen vor sündhaften Gedanken und die Hände vor sündhaftem Tun wachsam zu bewahren, und die an die beschützende Kraft lebloser Gegenstände glaubte, die durch Berührung mit heiligen Dingen geheiligt worden waren, wird in eindrucksvoller Weise auf einem Friedhof Pisas illustriert. Die Gräber sind einem Boden anvertraut, der vor langer Zeit mit Schiffen aus dem Heiligen Land herbeigeschafft wurde. In solcher Erde begraben zu werden, wurde von den alten Pisanern als bessere Gewähr für die Erlösung betrachtet, als noch so viele der Kirche abgekaufte Messen und der Heiligen Jungfrau geweihte Kerzen.

[Der schiefe Turm von Pisa, eigene Bildquelle]

Pisa soll etwa dreitausend Jahre alt sein. Es war eine der zwölf großen Städte Etruriens, jenes Gemeinwesens, das so viele Denkmäler als Zeugnis seines außerordentlich hohen Entwicklungsstandes und so wenig Greifbares und Verständliches über seine Geschichte hinterlassen hat. Ein Pisaner Antiquar gab mir einen alten Tränenkrug, von dem er behauptete, er sei volle viertausend Jahre alt. Man fand ihn zwischen den Ruinen einer der ältesten etruskischen Städte. Der Antiquar sagte, er stamme aus einem Grabe und sei in jenen fern zurückliegenden Zeiten, als die ägyptischen Pyramiden noch nicht lange standen, Damaskus noch ein Dorf, Abraham ein stammelndes kleines Kind und das alte Troja noch nicht einmal im Traum vorhanden war, von den Hinterbliebenen einer Familie benutzt worden, um die Tränen zu sammeln, die sie um irgendeinen verlorenen Abgott vergossen. Der Tränenkrug sprach in einer eigenen Sprache zu uns; und mit einem zarteren Pathos, als Worte es mitzuteilen vermöchten, eilte seine stumme Beredsamkeit die lange Kette der Jahrhunderte hinab mit seiner Erzählung von einem leeren Stuhl, einem vertrauten Schritt, den man an der Schwelle vermisste, einer lieben Stimme, die im Chor fehlte, einer entschwundenen Gestalt! — einer Geschichte, die uns immer wieder so neu ist, so erschreckend, so furchtbar, so sinnbetäubend, und man bedenke, wie abgegriffen und alt ist sie! Kein noch so geschickt formulierter Bericht hätte uns die Mythen und Schatten jenes alten, traumfernen Zeitalters so lebendig in Fleisch und Blut und von menschlichem Mitgefühl erwärmt nahebringen können, wie es dieses armselige, kleine, fühllose Tongefäß vermochte.

Pisa war im Mittelalter eine Republik mit einer eigenen Regierung, eigenem Heer und eigener Flotte und einem großen Handel. Sie war eine kriegerische Macht und schrieb manch glänzendes Gefecht mit den Genuesen und Türken auf ihre Banner. Man sagt, die Stadt zählte einst eine Bevölkerung von vierhunderttausend Menschen; aber jetzt ist das Zepter ihrem Griff entfallen, ihre Schiffe und Armee sind dahin, ihr Handel ist tot. Ihre Kriegsfahnen tragen den Moder und Staub der Jahrhunderte, ihre Märkte sind verlassen, innerhalb ihrer zerfallenden Mauern ist sie stark zusammengeschrumpft, und ihre große Bevölkerung hat sich auf zwanzigtausend Seelen verringert. Ihr blieb nur noch eines, dessen sie sich rühmen kann, und das ist nicht viel, nämlich: sie ist die zweite Stadt in Toskana.

Wir erreichten Livorno rechtzeitig, um uns alles, was wir hier sehen wollten, anzuschauen, lange bevor die Stadttore zur Nacht geschlossen wurden, und dann gingen wir an Bord des Schiffes.

Wir fühlten uns, als wären wir seit einem Menschenalter von zu Hause weggewesen. Wir hatten vorher nie richtig zu schätzen gewusst, welch überaus angenehme Höhle unsere Luxuskabine ist; auch nicht, wie erfreulich es ist, zum Essen im eigenen Stuhl in der eigenen Kajüte zu sitzen und mit Freunden eine vertrauliche Unterhaltung in der eigenen Sprache zu führen. Oh, das unvergleichliche Glück, jedes einzelne Wort, das gesprochen wird, zu verstehen und zu wissen, dass jedes einzelne Wort, das man zur Antwort gibt, ebenso gut verstanden wird! Wir würden uns jetzt zu Tode schnattern, aber es sind von den fünfundsechzig nur ungefähr zehn Passagiere da, mit denen man sprechen kann. Die anderen wandern umher, wir wissen kaum wo. Wir werden in Livorno nicht an Land gehen. Für den Augenblick haben wir italienische Städte satt und ziehen es lieber vor, das vertraute Achterdeck abzuschreiten und die Stadt aus der Ferne zu betrachten.

Die stumpfsinnigen Magnaten der Regierung dieses Livorno können es nicht begreifen, dass ein so großer Dampfer wie der unsere den breiten Atlantik zu keinem anderen Zweck überquert hat, als einer Gesellschaft von Damen und Herren eine Vergnügungsreise zu vergönnen. Es wirkt zu unwahrscheinlich. Es sei verdächtig, glauben sie. Etwas Wichtigeres müsse dahinterstecken. Sie begreifen es einfach nicht und verachten den Beweis der Schiffspapiere. Schließlich haben sie die Meinung gefasst, dass wir ein Bataillon aufwieglerischer, blutdürstiger Garibaldianer in Verkleidung seien! Und in allem Ernst haben sie ein Kanonenboot hin gesetzt, das unser Fahrzeug Tag und Nacht beobachten soll, mit der Weisung, sofort über jede revolutionäre Regung herzufallen. Polizeiboote sind ständig auf Patrouille um uns herum, und ein Matrose, der sich im roten Hemd zeigte, würde mit seiner Freiheit spielen. Diese Polizisten folgen dem Boot des diensthabenden Offiziers vom Land zum Schiff und vom Schiff zum Land und beobachten seine dunklen Manöver mit wachsamen Augen. Sie werden ihn noch verhaften, wenn er nicht einen Gesichtsausdruck annimmt, der weniger an Blutbad, Aufstand und Aufruhr gemahnt. Ein Besuch, den einige unserer Reisenden gestern in freundschaftlicher Weise bei General Garibaldi (auf herzliche Einladung hin) abstatteten, hat viel dazu beigetragen, den schrecklichen Verdacht zu bekräftigen, den die Regierung gegen uns hegt. Man glaubt, der freundschaftliche Besuch wäre nur die Bemäntelung einer blutigen Verschwörung. Diese Leute kommen heran und beobachten uns, wenn wir längsseits im Meer baden. Glauben sie, dass wir auf dem Grund mit einer Reservetruppe von Schurken Verbindung aufnehmen?

Man sagt, dass wir in Neapel wahrscheinlich unter Quarantäne gestellt werden. Zwei oder drei von uns ziehen es vor, dieses Risiko nicht einzugehen. Daher haben wir vor, sobald wir uns ausgeruht haben, mit einem französischen Dampfer nach Civita Vecchia zu fahren, und von da aus nach Rom und dann mit der Bahn nach Neapel. Die Züge werden nicht der Quarantäne unterworfen, gleich, wo sie ihre Reisenden herhaben.